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Züricher Tages-Anzeiger 10.7.98
Andere reden nur davon, die Feller AG in Horgen wagt's: ein Väterkurs als Teil der internen Weiterbildung.
Von P. Lasfranconi
Ein bisschen gezittert hatten Personalchef Willy Schilling und die beiden Kursleiter Lukas Heck-Halbheer und Konrad Lieske schon: Würden sich wirklich zehn Väter finden, die bereit waren, an acht Donnerstagnachmittagen von vier bis sechs Uhr über Emotionen, Zeitmanagement, Konfliktbewältigung und Emanzipation nachzudenken? Und daraus auch noch Konsequenzen zu ziehen? Die drei bangten umsonst. Die Väter kamen. Zuerst mit einer Portion Skepsis. Doch dann hätten sie um so ernsthafter mitgearbeitet, erzählt Moderator Konrad Lieske: "Ihre persönlichen Veränderungsziele formulierten sie schon am ersten statt am fünften Kurstag. Und sie wollten auch gleich ein Controlling einbauen."
Der Anstoss zum Kurs "Väter im Spannungsfeld Beruf und Familie" war von Konrad Lieske gekommen. Als Präventionsfachmann im Jugendsekretariat des Bezirks Horgen hat er das gleiche Problem wie alle Elternbildner: Viele Väter sind verunsichert und haben Mühe, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Trotzdem kommen die wenigsten in Elternbildungskurse. Also wollte Lieske sie dort abholen, wo sie sind: im Arbeitsalltag. Bei der Feller AG habe er mit seinem Pionierprojekt "offene Türen gefunden".
Personalchef Willy Schilling sieht seine Rolle pragmatisch: Die Feller AG - mit 400 Beschäftigten und 90 Millionen Franken Umsatz grösste Schweizer Herstellerin von Elektroschaltern - sei "ein klar leistungsorientiertes Unternehmen". Diese Leistung müsse aber "in einem menschlichen Kontext" erfolgen. Der Väterkurs sei dem Gedanken entsprungen, "dass die Freizeit ebenso wichtig ist wie die Arbeitszeit und dass für beide Seiten eine Win-Win-Situation entstehen muss". Kommt dazu, dass die Arbeitszeiten immer mehr flexibilisiert werden. Und das tangiert die Familien ganz direkt.
Kursteilnehmer Roger Treichler (49), Vater eines fünf- und eines siebenjährigen Kindes, kennt dieses Spannungsfeld. Als Informatiker arbeitet er oft zu Hause. "Da ist die räumliche Trennung nicht gegeben: Die Kinder wollen etwas von mir, die Partnerin wartet ungeduldig, bis ich fertig bin - das stresst." Oft habe er die Arbeit dann halt in der Nacht erledigt, erzählt Treichler. Doch seit er in den Kurs gehe, habe er gelernt, dass er auch an seine eigenen Bedürfnisse denken und zu Hause Verständnis wecken müsse für seine Situation. Das klappe inzwischen recht gut, und Treichler hofft, in Zukunft 40 Prozent seines Pensums zu Hause erledigen zu können. "Dann könnte sich meine Frau ihren Wunsch nach einem Teilzeitjob erfüllen, ohne sich Sorgen um die Kinder zu machen."
Claude Camenzind (40), Informatikleiter und Vater eines sieben- und eines neunjährigen Kindes, findet den Väterkurs vor allem spannend, weil er dadurch seine Kollegen von einer ganz anderen Seite kennengelernt hat. Wirklich ernst nehmen könnte Camenzind den Kurs aber erst, wenn auch gewöhnliche Arbeiter miteinbezogen und die Bedürfnisse der Väter in neue Arbeitszeitmodelle umgemünzt würden. "Sonst war der Kurs bloss ein attraktives Modethema", sagt er.
Der Väterkurs hat inzwischen auch zu Hause heisse Diskussionen ausgelöst. Alle Teilnehmer arbeiten 100 Prozent, während ihre Partnerinnen als Hausfrauen oder in Teilzeit arbeiten. Aber die Männer stellen fest, dass die Frauen wegen der unkoordinierten Schulstunden ihrer Kinder trotzdem ganz ähnlichen Zeitstress haben wie sie selber. Deshalb würden sie es "fair" finden, wenn auch ihre Partnerinnen einen solchen Kurs machen könnten und man dann die Ergebnisse gemeinsam diskutieren würde. Personalchef Willy Schilling bezeichnet diese Idee als "absolut spannend" - nur müsse sie direkt von den Leuten kommen. Auch für die Wünsche nach neuen Arbeitszeitmodellen zeigt er Verständnis. Erfüllbar seien sie aber nicht überall: "Die Kundenbedürfnisse können wir nicht ändern. Das ist der Rahmen."
Was der Väterkurs der Firma gebracht hat, kann der Personalchef noch nicht sagen. Etwas steht hingegen fest: Es sind Erwartungen geweckt und Denkprozesse in Gang gebracht worden. Kursmoderator Konrad Lieskes Fazit ist "ausserordentlich positiv". Beeindruckt habe ihn vor allem, wie ernsthaft sich die Männer mit den Themen Gefühle, Zeitstress und Konfliktbewältigung auseinandersetzten. Jetzt soll der Kurs evaluiert und so bearbeitet werden, dass er auch in anderen Firmen angeboten werden kann.