VÄTER KÄMPFEN FÜR IHRE KINDER /Zur Definition des Kindeswohlbegriffes       paPPa.com

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors:
Prof. Dr. Reinhold Ortner, Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik Otto-Friedrich-Universität Bamberg


Zur Definition des Kindeswohlbegriffs

Glücklichsein und Unglücklichsein eines Kindes

- Kriterien aus der Sicht personaler Pädagogik. Die Bedeutung dieser Kriterien für eine Präzisierung des Kindeswohlbegriffes -

Einleitung

Jeder Mensch spürt in sich die Sehnsucht, glücklich zu sein. Die Erfüllung dieser Sehnsucht unterliegt sehr oft existentiellen Bedingungen, die außerhalb des Vermögens des Menschen liegen. Die Erwachsenengeneration kann im Rahmen ihrer Erziehungsverantwortung und -pflicht Sorge dafür tragen, daß jedem einzelnen Kind die bestmögliche Chance auf Glücklichsein offensteht. Die gute Absicht hierzu ist offensichtlich auch vorhanden. Eltern möchten, daß ihre Kinder "glücklich" sind. Pädagogen, Psychologen und Politiker beteuern, daß ihre Kinder "glückliche Kinder" sein sollen. Ich kenne niemanden, der Kinder unglücklich sehen möchte. Aber warum haben dann zunehmend mehr Kinder in unserer Gesellschaft nicht das existentielle Grunderlebnis wahren Glücklichseins?

Da stellt sich die Frage: Was ist "Glücklichsein", und was braucht ein Kind, um "glücklich" zu sein?

Ich möchte mich hier nicht in philosophisch-theologischen Streitfragen ergehen. Es ist sicherlich sinnvoller, Ihnen von meinem pädagogisch-psychologischen Erkenntnis- und Erfahrungsstand her drei Grundsatzthesen zu dieser Frage vorzustellen.

Die Komprimierung dieser drei Thesen heißt: Ein Kind hat (in der Relativität menschlicher Maßstäbe) immer eine höhere Chance, "glücklich" zu sein, wenn ihm folgende Möglichkeiten für sein Leben eröffnet und geschenkt werden:

  1. Existentielle Sinnerfüllung
  2. Freiraum für die Individualität seiner Persönlichkeit
  3. Erfüllung der Grundbedingungen körperlicher, psychischer und geistiger Gesundheit innerhalb der kindlichen Erziehungssituation

Diese Hauptthesen möchte ich im einzelnen erläutern:

1. Existentielle Sinnerfüllung
- Zur Mentalität einer Pseudo-Sinnerfüllung in unserer Gesellschaft -

Ideologien unserer gesellschaftlichen Gegenwart pervertieren zunehmend die Auffassung von Lebenssinn und Sinnerfüllung. Ich verweise hier exemplarisch auf materialistische, sozialistische oder esoterische Ideologien, welche über Parteiprogramme oder multimediale Beeinflussung das selbstbezogene Genießen des Daseinsvollzugs als wichtigsten Lebenssinn propagieren. Ich erinnere an die (fast ausschließlich umsatz- und gewinnorientierte) Werbung, welche suggerieren möchte, daß ihre vorgestellten Konsumartikel unbedingt zur Sinnerfüllung des Lebens gehören. Die bewußtseinssinfiltierende Durchschlagskraft solcher Einflüsse hat zu einem Denken geführt, das "Lebenssinn" (und darin eingeschlossenes "Glücklichsein") mit Besitz, Konsum, Sex (vor allem auch in sinnwidriger Lustauskostung), Macht, Schönheit, Spaß und selbstbestimmter Egozentrik im Daseinserleben identisch setzt.(1)

Wir müssen feststellen, daß zahlreiche Menschen unserer Gesellschaft den Kindern ein dementsprechendes Vorbild liefern. Sie praktizieren dies zudem immer häufiger auf Kosten der psychischen und physischen Gesundheit unserer Kinder. Diese junge Generation wächst mit der Mentalität einer solchen Pseudo-Sinnerfüllung auf. Sie muß früher oder später enttäuscht erfahren, daß dies alles andere als wahres Glücklichsein darstellt. Weil Kindern und jungen Menschen aber kein anderer Weg zum sinnerfüllten Glücklichsein gezeigt wird, stürzen sie sich immer früher (schon im Grundschulalter) in ein Pseudo-Glücklichsein. Dieses besteht nur zu oft aus Süchten zur Betäubung (Fernsehen, Glücksspielen, Alkohol, Sex, Drogen). Solches muß zwangsläufig im Unglücklichsein enden. So betrachtet sind die meisten Beteuerungen von ideologisch orientierten Gesellschaftspolitikern oder den Konsum anheizenden Werbemanagern, ihnen liege das Wohl und das Glück der Kinder so sehr am Herzen, Zeichen von mangelndem pädagogischen Sachverstand oder einfach nur vorgeschobene Phrasen mit Alibifunktion für ihre dahinterliegende Umsatzrate. Erstaunt bis schockiert muß ich in letzter Zeit feststellen, daß ein am soziologischen Mehrheitsverhalten der Gesellschaft gemessenes Pseudoverständnis von existentieller Sinnerfüllung (und damit des Kindeswohls) offensichtlich auch bei Scheidungsrichtern oder begutachtenden Psychologen maßgebend bei ihrem Urteil ist.

2. Freiraum für die Individualität der Persönlichkeit

Jeder von uns will in seinem Sosein angenommen und respektiert werden. "Sosein" ist die Gesamtheit der genetisch ererbten wie soziologisch erworbenen Eigenschaften des jeweiligen Menschen. Diese stellen die Grundausstattung für den individuellen Lebensvollzug, für Lernen, Beruf oder ehelicher Partnerschaft dar. Das jeweilige individuelle Sosein setzt jedem Menschen Grenzen. Er kann darüber nicht hinaus. Es ist aber ein Wesensbestandteil persönlichen Selbstverständnisses und Selbstwerterlebens, innerhalb der Möglichkeiten seines Soseins angenommen, geliebt und als gleichwertig anerkannt zu werden. Ist dies gegeben, eröffnet sich eine weitere entscheidende Chance für das Glücklichsein.
Hier ist die Wichtigkeit der Tatsache zu unterstreichen, daß der anthropologische und religiöse Sinn von Familie der ist, daß die in ihr aufwachsenden Kinder genau diese Annahme und Liebe erfahren können. Den leiblichen Eltern gelingt dies auf Grund ihrer wechselseitigen körperlich-psychisch-geistigen Wesensverwandtschaft zu ihrem Kind am leichtesten. Daher haben diese Eltern (von der Schöpfungsintention des Menschen her) naturgemäß in der Erziehung ihrer Kinder vorrangige pädagogische Kompetenz. Das Optimum stellt dann natürlich die Erziehung durch beide Elternteile dar.

3. Erfüllung der Grundbedingungen körperlicher, psychischer und geistiger Gesundheit innerhalb der kindlichen Erziehungsituation

Die Frage körperlicher Gesundheit ist medizinisch bis ins Detail abgeklärt. Ich brauche hierzu keine Ausführungen zu bringen. Doch kann körperliche Gesundheit auch von psychischer Krankheit her stark beeinträchtigt werden. Psychische Erkrankungen bei Kindern (auch bei Erwachsenen) nehmen in unserer Gesellschaft kontinuierlich zu. Bisweilen wirkt diese Entwicklung beängstigend.

Da stellt sich die Frage: Was sind die Grundbedingungen für eine Bewahrung, Festigung oder Wiederherstellung der psychischen Gesundheit bei Kindern (und damit einer unabdingbaren Vorbedingung des Glücklichseins)?

Jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit jungen Menschen und pädagogisch-psychologische Beratungspraxis haben mir deutlich gezeigt, daß in der Erziehung der Kinder die Erfüllung elementarer Bedürfnisse und die Verwirklichung bestimmter zeitlos gültiger Werte Schlüsselbedingungen für psychische Gesundheit und Glücklichsein sind.

Welche Bedürfnisse und Werte sind dies?

3.1. Werte, welche psychische Gesundheit und Glücklichsein mitbedingen

Es sind vor allem existentiell, und daher auch erziehlich unabdingbare Werte, die Väter, Mütter, Politiker, Richter, Psychologen und Pädagogen in die Waagschale des Glücklichseins der Kinder einbringen müssen. Zwar gibt es beim Glückserleben unzählbare individuelle Erlebensmomente innerhalb einer großen Spannweite von Stärke- und Tiefengraden. Diese lassen sich aber fast immer in folgenden Werteerfahrungen hinsichtlich der Erfüllung psychisch-geistiger Grundbedürfnisse ansiedeln:

  1. Vater und Mutter haben
  2. Liebe und Güte erfahren
  3. Zuwendung, Annahme und Treue erleben
  4. Selbstwertbestätigung, Anerkennung, Verständnis und Ermutigung geschenkt bekommen
  5. Wahrheit, Güte und Schönheit erleben dürfen
  6. Einen Geborgenheitsraum mit echter (psychischer, geistiger, religiöser) Liebe, Gemeinschaft, Harmonie, mit Naturerleben und (richtig verstandener) Freiheit besitzen
  7. Vor Verletzungen dieses Geborgenheitsraumes (Defizite in den Lebensgrundbedingungen; Schutz vor Gewalt, Mißbrauch, sexuell verfrühter Konfrontation) sicher sein.

Ein Kind, welches in einer solchen Atmosphäre aufwächst, wird immer eine große Chance haben, im Herzen glücklich zu sein,

Das Kind wird in der Erfahrung und Verwirklichung dieser Werte auch den existentiellen und religiösen Sinn seines Lebens erkennen und aus dieser Erkenntnis heraus Glücklichsein erfahren. In die hohe Gefahr des Unglücklichseins wird es jedoch gebracht, wenn es Defizite an diesen Werten erleidet.(2)

3.2. Negativeinflüsse, welche das Kind psychisch krank machen

Negativeinflüsse (Unwerte) sind nach meinen Erfahrungen (neben den Defiziten an echtem Werteerleben) folgende:

4. Ergebnisse einer Befragung

Ich habe 300 Studierenden (im Alter von 20-25) und rund 50 Personen (zwischen 7 und 75 Jahren) folgende Fragen gestellt:

"Bitte versetzen Sie sich in die eigene Kindheit zurück. Erinnern Sie sich?

    a) Wo, wann oder wie waren Sie als Kind besonders glücklich?
    b) Wo, wann oder wie waren Sie als Kind besonders unglücklich?"

Hunderte von Beschreibungen kleiner Begebenheiten unter den erhaltenen Antworten konkretisieren das Glücklichsein oder Unglücklichsein in der Zeit der Kindheit verschiedener Generationen. Diese Aussagen wurden analysiert und Erlebenskategorien zugeordnet.(3)

Ergebnis 1: Was trägt zum Glücklichsein eines Kindes bei?

Ergebnis 2: Was trägt zum Unglücklichsein eines Kindes bei?

4. Zusammenfassung

Der existentielle Daseinsvollzug des Menschen ist von Freude und Leid, von Gesundheit und Krankheit, von Leben und Tod, von Glücklichsein und Unglücklichsein geprägt. Kinder, die wir auf das Leben vorbereiten, müssen selbstverständlich erfahren, daß dies alles auch zu ihrem existentiellen Dasein gehört. Bei alledem aber müssen die in der Verantwortung für das Wohl des Kindes stehenden Personen Grundbedingungen berücksichtigen, die dem Kind einerseits ein jeweiliges Chancen-Höchstmaß an Glücklichsein eröffnen und ihm andererseits schädigende Umwelteinflüsse ersparen, die Unglücklichsein (und im Gefolge schmerzhafte Verhaltensnöte) bewirken. Wir haben hierzu vom anthropologischen, psychologischen und pädagogischen Ansatz her drei Grundregeln aufgezeigt, die für das Wohl des Kindes (und damit für eine glückliche Kindheit) als unabdingbar gelten:

  1. Wir müssen Wege aufzeigen und Hilfen geben, daß Kinder eine echte Sinnerfüllung ihres existentiellen Daseins finden und erleben können.
  2. Wir müssen ihnen Freiraum für die Verwirklichung ihres Daseins auf der Basis ihrer jeweiligen Individualität geben. Wir müssen sie in ihrem individuellen Sosein annehmen und jedes Kind trotz der äußeren Verschiedenheit dieses Soseins als gleichwertig respektieren.
  3. Wir müssen Grundbedingungen einer vor allem physisch-psychisch gesunden Entwicklung in der Phase der Kindheit verwirklichen oder wiederherstellen.

Personen und Institutionen, die für Kinder Verantwortung tragen, müssen ihr Handeln innerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs nach diesen Grundbedingungen ausrichten. Gefordert sind in erster Linie

Im Jahr 1996 begehen wir das Jahr des Kindes. Ich schließe mit zwei Zitaten, die darauf hinweisen, daß im pädagogischen Ansatz das Kind immer im Mittelpunkt der Hilfeleistung stehen muß.

"Ich will dabei bleiben: Der Sache des Kindes bin ich verpflichtet." (Janusz Korczak)

"Kinder,
die man nicht liebt,

werden Erwachsene,
die nicht lieben."

Pearl S. Buck
Anmerkungen:

1) Es widerspricht schon unserem Sprachgefühl, auf das Genießen und das Vergnügen den Begriff "Glücklichsein" anzuwenden (vgl.: LERSCH, Ph.: Aufbau der Person. München 1954, S.200) Es ist vielmehr die Freude, in der wir den Vollzug unseres Daseins erleben, was mit Glücklichsein gemeint ist.
2) Ich verweise darauf, daß die Väter unserer Bayrischen Verfassung 1946 im Artikel 131 für den Bereich der Erziehung bereits wesentliche Markierungen des "Glücklichseins" der nachwachsenden Generation vorgegeben haben.
3) Zum Verständnis des Komplexes "Unglücklichsein" ist anzumerken, daß z.B. die Aussagen zu Scheidung, Streit und Verlustängsten nur von davon betroffenen Personen gemacht wurden. Diese Prozentzahlen wären höher ausgefallen, wenn der diesbezügliche Erfahrungsstand umfassend gewesen wäre. Mehrfachzuordnungen waren notwendig, um die Komplexität mancher Antworten aufzulösen.


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